Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (19): Wie alles begann – Hamburg`s Start als „Markenland“

Wie Alles begann – die ersten Briefmarken in Hamburg

 „My dear Susel“ – so beginnt der Brief, den Henry Carew Hunt am 9.Juni 1840 in Hamburg an seine Frau in England schrieb. Der Kaufmann Mr. Hunt, der auch eine Niederlassung in Hamburg besaß, vertraute den Brief wohl dem Kapitän eines Schiffes an, das nach England ging, und dieser übergab ihn in London der Post, die den Brief dann an seine Empfängerin expedierte. Die neuen Postwertzeichen waren in England gerade einen Monat vorher „erfunden“ worden und die Briefgebühr von 1 Penny war natürlich ein ganz anderer Schnack als die sonst fälligen 1sh/6d., die normalerweise als Gebühr von Hamburg fällig gewesen wären.

„Hamburgs ältester Brief“ titelte die BILD, als ich das Stück vor ca. 15 Jahren versteigerte. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn die frühesten Handelskorrespondenzen aus Hamburg datieren in das 16.Jahrhundert zurück, aber man sicher sagen, dass dieses Poststück der optimale Beginn einer Hamburg-Sammlung sein könnte, die das Thema „Postwertzeichen“ zum Inhalt hat.

Ich kenne einige Briefe aus verschiedenen europäischen Ländern, die nach England liefen und mit einer „Penny Black“ frankiert sind, interessanterweise stammen sie alle aus dem Juni oder Juli 1840.

Im „London Philatelist“, dem Journal der Royal Philatelic Society in London, erschien im September 2018 ein Artikel, der die Verwendung des ersten Postwertzeichens der Welt auf Briefen aus fremden Ländern thematisierte. Patrick Maselis, der damalige Präsident der „Royal“, stellte einen Brief mit der Penny Black – aus Antwerpen kommend – vor und schrieb mir dazu, „dies sei der ultimative Beginn seiner Sammlung und logischerweise die „Seite 1“ seines Belgien-Exponates.

Der hamburgische Postbeamte hat im Jahre 1840 den oben gezeigten Brief natürlich nicht gesehen, aber die – praktische – Idee einer „Briefmarke“, also einer Quittung für eine zu erbringende Dienstleistung, sollte ihm bekannt gewesen sein, denn sehr viele europäische und überseeische Länder hatten ja in den 1840er und 1850er Jahren Postwertzeichen eingeführt, und die klebten auf vielen Briefen, die nach Hamburg kamen oder über Hamburg liefen. In Hamburg benutzten ja auch schon die „fremden“ Postämter von Hannover, Mecklenburg, Preußen und Thurn & Taxis Freimarken.

Und man darf doch gern die Frage stellen, warum es in Hamburg, dieser großen Handelsmetropole mit ihrer doch so oft zitierten weltoffenen Kaufmannschaft und der Drehscheibe für fast alle Post, die in Nord-Süd und West-Ost-Richtung lief, noch fast 20 Jahre dauerte, bis man auch hier von dieser großartigen Erfindung Gebrauch machte und selbst Briefmarken verausgabte!

In den Protokollen der Senatsdeputation, die im Hamburgischen Staatsarchiv verwahrt sind, findet sich die erste Erwähnung „zur Einführung von Briefmarken“ erst im November 1857, und es wurde im Jahre 1858 noch einige Male über das Für und Wider gestritten, ehe ein Beschluss dann endlich am 6.Dezember 1858 gefasst wurde.

Was passiert nun „vorher“, also bevor das fertige Produkt, die Briefmarke, an der Post erhältlich ist?

Am Beginn eines klassischen Briefmarkenexponats sollten Entwürfe und Probedrucke stehen. Das sagen nicht nur die Empfehlungen der Sammlerverbände und der Juroren – mit dem Blick auf „großes Gold“ für das Exponat -, das ist meiner Meinung nach auch völlig logisch, denn bevor ein solches Endprodukt wie die Briefmarke an die Postschalter zum Verkauf kommt, müssen Entwürfe gefertigt und den entsprechenden Dienststellen vorgelegt, müssen – politische – Entscheidungen getroffen werden, nicht zuletzt muss der Drucker Farbproben und Probedrucke vorlegen, bevor der zuständige Minister oder Senator das finale „Go“ gibt.

So ist das Prozedere auch heute noch und es war sicher auch so in Hamburg im Jahre 1858 – könnte man meinen.

Die Frage, der ich gern nachgehen möchte, lautet: Gab es in Hamburg Entwürfe und/oder Probedrucke für die ersten Freimarken?

Die Aktenlage dazu im Hamburger Staatsarchiv gibt dazu, wie ich gleich zeigen werde, keine endgültige Aufklärung. Gab es Anordnungen, Senatsbeschlüsse oder gar Entscheidungs-Findungs-Kommissionen oder „Arbeitskreise“?

Eine gute Fundstelle ist der Bericht der Post-Deputation an Syndikus Dr. Merck vom März 1858.[1] Der unterzeichnende Vorsitzende C. G. Hencke berichtet von seinen Korrespondenzen mit „London, Wien. Berlin und München“ und den dort gemachten Erfahrungen mit Freimarken. Kostenvoranschläge der Druckerei Meißner und des Graveurs Siegmund wären einzuholen, und dann kommt er auf die Gestaltung der Freimarken zu sprechen:

„Eine weitere Frage, die schon jetzt näher festgestellt werden kann, ist die Form, oder vielmehr das Aussehen (das Bild) der anzuschaffenden Freimarken. Wird es auch nicht sehr schwierig seyn, 7 verschiedenartige Farben für die Marken zu finden, so ist es doch nicht zweckmäßig die Farbe, wenn auch nicht allein, so doch als hauptsächliches Unterscheidungszeichen gelten zu lassen, da diese, namentlich bey Lampenlicht, leicht täuschen. So sind z.B. die dem Preussischen Schreiben anliegenden Marken zu 6 Pfennig und ein Silbergroschen bey Licht schwer zu unterscheiden. Ein weiteres Erkennungszeichen ist die Ziffer, wenn solche nur deutlich und in gehöriger Größe angebracht ist. Fast alle mir bekannten Freimarken, sowohl im In- und im Auslande, haben den Fehler, daß die Ziffer, die darauf angegeben, viel zu klein und daher undeutlich ist, mit alleiniger Ausnahme derer, der Thurn & Taxischen und Hannoverschen Verwaltung, von denen untenstehend ein Exemplar aufgeklebt ist. Dem Zwecke der Deutlichkeit ganz besonders entsprechend, und daher auch am besten als Muster für die Hamburgischen dienend, sind die Thurn & Taxischen (…)

Ich möchte vorschlagen, die Hamburgischen Marken den Thurn & Taxischen im Prinzip ähnlich , so anfertigen zu lassen, dass das, in guillochirter Manier angefertigte Hamburger Wappen, als Untergrund dient und die jedesmalige Ziffer wenigstens in derselben Größe, wie die auf den taxischen Marken gewissermaßen als Sargschild auf dieses Wappen gelegt würde. Zu dem Rande könnte dann, zu beiden Seiten das Wort: „Hamburg“ , oben „Schilling“ und unten „Freimarke“, zu stehen kommen. Wird dann noch eine, von der auf den Taxischen Marken verschiedene, Randverzierung gewählt, so werden sich beide Sorten, selbst bei ganz gleicher Farbe, sehr leicht voneinander unterscheiden lassen. Auf die Hannoverschen Marken ist eine mehr [Künstelei] verwandt, und eben dadurch zeichnen sie sich weniger durch Deutlichkeit aus (…)“

Herr Hencke, der der Vorsitzende der Postverwaltungs-Deputation, also der Postdirektor war, beschreibt also die späteren Hamburger Briefmarken ganz genau, und wenn Ihnen der Name bekannt vorkommt: C.G.Hencke ist als Entwerfer der ersten Briefmarken Hamburgs in allen Katalogen genannt. Aber in dem ganzen Bericht, der über viele Seiten geht und den Sie auszugsweise oben lesen, findet sich keinerlei Erwähnung von Entwürfen oder Proben oder gar Mustern von Briefmarken.

Im Jahre 1935 erschien eine Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Vereins für Briefmarkenkunde Hamburg [2]. Darin berichtet Richard Weißenburg in seinem Beitrag „Die Hamburgischen Briefmarken 1859-1867“ von seinen „viermonatigen“ Studien im Hamburger Staatsarchiv, bezüglich der Einführung von Freimarken. Er schreibt: „Es haben der Deputation auch mehrere Proben vorgelegen, doch konnte ich in den Akten keine mehr finden; auch in der mir vorgelegten Staats-Freimarkensammlung, die im Staatsarchiv verwahrt wird, sind die Proben nicht vorhanden.“  

Eventuelle Proben waren also schon 1935 nicht mehr vorhanden, aber Richard Weißenburg haben offensichtlich Akten vorgelegen, in denen von „Proben für die Deputation“ die Rede war. Die Staats-Freimarkensammlung existiert heute nicht mehr, ebenso sind einige Akten, die Weißenburg erwähnt, nicht mehr im Staatsarchiv zu finden. Im 2.Weltkrieg wurden Teile des Archives vernichtet, vielleicht waren diese Akten bzw. auch die Sammlung darunter.

Von jetzt ab dauerte es nur noch ein Dreivierteljahr, bis die ersten Briefmarken an die Postschalter kamen.

Hin und wieder werden Probedrucke von Hamburg angeboten, von denen ich Ihnen einige vorstellen möchte:

Ich glaube nicht, dass es sich hier um Probedrucke handelt, die VOR Erscheinen der Briefmarken gefertigt wurden. Die Wertstufe zu 2 ½ Schilling wurde erst 1864 – nach Übernahme der dänischen Post – gebraucht, der gezeigte Probedruck gibt sogar die neue, erst 1867 erschienene 2 ½ Schilling-Marke wieder.

Die 4- und 9-Schilling-Werte sind auf Papier ohne Wasserzeichen gedruckt und ich könnte mir vorstellen, dass diese mit der Entstehungsgeschichte der ersten Hamburger Markenserie in Zusammenhang stehen, vielleicht sind es sogar solche, die in den – Richard Weißenburg im Jahre 1935 – vorgelegten Akten früher enthalten gewesen waren. In der Beschreibung eines 4 Schilling-Wertes aus der „Sellschopp“-Sammlung, die im Jahre 1997 bei der Firma Köhler versteigert wurde, las ich: „zur Vorlage beim Senat“ –  eine Quelle dafür konnte ich nicht finden.

Auch das Kohl-Handbuch [3] schreibt, dass „…Farbproben auf WZ-Papier…existieren, so dass sie offenbar schon 1858 für die erste ungezähnte Ausgabe angefertigt wurden…“. Ich weiß nicht, auf Grund welcher Erkenntnisse Dr.Munck das Jahr „1858“ genannt hat, auch sind die oben gezeigten Farbproben auf Papier ohne Wasserzeichen gedruckt.

3 Schilling blau Randstück – nicht zu verwechseln mit der Nr. 15U, die ja eigentlich die gezähnte 3 Schilling ist und ungezähnte Stücke aus unfertigen Restbeständen stammen (anderes Blau, Druck weniger klar) – mit Wasserzeichen! –

Die Farbproben des 7-Schilling-Wertes wurden auf Papier mit Wasserzeichen gedruckt. Die bräunlichen Farben ähneln verdächtig der späteren 7-Schilling-Marke (Mi.No.19), die ja erst im Jahre 1865 erschien. 1859 war der 7-Schilling-Wert ja noch orange…

Es gibt in der mir zur Verfügung stehenden Literatur und auch nicht in den Akten des Hamburger Staatsarchivs Anhaltspunkte, die diese oder irgendwelche anderen Proben auf die Zeit vor dem 1.Januar 1859, dem Erscheinungstag der ersten Briefmarken, datieren.

Auch der gängige (Michel-) Katalog gibt zum Produktionsjahr der Probedrucke keine Auskunft. Ebenso finden sich im Werk von Peter U.Theuss, der „Bibel“ für alle Entwürfe, Proben und Essais der altdeutschen Staaten, keine Hinweise auf das Jahr der Herstellung. [4]

Ich besitze einen der frühesten Briefmarkenkataloge überhaupt. Er erschien – bereits in 5.Auflage (!) – im Jahre 1864, der Herausgeber war Mount Brown [5]. Unter „Hamburg“ werden bereits „proofs“ gelistet; einige der Farben sind oben abgebildet.

Fassen wir zusammen: Es gibt keine gesicherten Anhaltspunkte, dass es von Hamburger Briefmarken Probedrucke oder Entwürfe gibt, die vor Erscheinen der Marken am 1.1.1859 produziert wurden. „Zeitgenössisch“, d.h. während der Zeit Hamburgs als eigenes Markenland, sind die gezeigten Probedrucke bzw. Farbproben aber allemal.

Die „Postverwaltungs-Deputation“ machte dann dem Publikum am 27.Dezember 1858 – also 4 Tage vor dem „Start“ – die Einführung von Freimarken beim Stadt-Postamte zum 1.Januar 1859 bekannt. Zu dem Zeitpunkt konnte man in England seine Post schon fast 20 Jahre lange mit Briefmarken frankieren!

 

[

[1] Staatsarchiv Hamburg. Extractus Protocolli Senatus Hamburgensis. Einführung von Briefmarken. Sign. 111-1_1124

[2] Hamburg, seine Postgeschichte, Postwertzeichen und Poststempel. Festschrift zur Erinnerung an die 50jährige Wiederkehr des Gründungstages des Vereins für Briefmarkenkunde zu Hamburg von 1885. Hamburg. 1935.

[3] Dr.H. Munck.KOHL-Briefmarken-Handbuch. 11.Aufl. Band IV, S.407

[4] Peter U.Theuss. Postwertzeichen und Ganzsachen. Entwürfe, Essais, Probe und Sonderdrucke Deutschland (Bd. II). Toronto. 1996.

[5] Catalogue of British, Colonial and Foreign Postage Stamps by Mount Brown. Fifth Edition. London. 1864

 

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (18) – Das Cholerajahr 1831

Desinfizierte Post

Ein sehr interessantes Thema ist die Behandlung der Post in Zeiten von Seuchen. Man ging früher davon aus, dass durch das Übergeben („von Hand zu Hand“) von Briefen oder Paketen möglicherweise auch Krankheiten übertragen werden konnten und ersann daher verschiedene Möglichkeiten, Briefe und andere Postsachen zu desinfizieren. Das geschah insbesondere durch Eintauchen in Essigwasser oder durch Räuchern von Poststücken in speziellen Räucherkammern. Hierfür wurden die Briefe oftmals vorher mit Messern geschlitzt oder mit Nadeln durchstoßen, so dass der Rauch die Briefschaften sozusagen „durchströmen“ konnte.

Den Nachweis einer Desinfektion ist bei frühen Briefen nicht immer sicher zu erbringen; oftmals sind bräunliche Verfärbungen im Briefpapier, die von der Reinigung mit Essigwasser herrühren und die dann meist gehäuft in bestimmten Jahren zu finden sind , die einzigen Zeugnisse. Erst ab der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts wurde dann vielfach durch einen entsprechenden Stempel auf der Briefschaft die Prozedur der Desinfektion dokumentiert. Aus Hamburg kennen wir die Cuxhavener Quarantäne-Stempel, von denen ich einige schon in einem vorherigen Beitrag gezeigt habe. (www.schwanke-philatelie.de/2021/04/aspekte-zur-hamburger-postgeschichte-14-das-amt-ritzebuettel/)

Die Cuxhavener Quarantäne-Stempel sind fast immer auf Post zu finden, die von – meist – überseeischen Gebieten nach Hamburg hereinkam. Ich habe einen Brief gefunden, bei dem dieser Stempel auf ausgehender Post zu sehen ist:

Dieser Brief kam aus Bremen und wurde vermutlich über die hannoversche Postroute nach Ritzebüttel/Cuxhaven befördert und dort als ausgehende Post vom Amtmann Hartung „behandelt“. Bei der Ankunft in England hat man ihn dann noch ein zweites Mal desinfiziert, mittels Räucherschlitzen und wohl auch Essigwasser, und zwar in Queensborough.

Findet man Desinfektionsstempel auf Post aus z.B. dem Mittelmeerraum relativ häufig, so sind solche aus nordischen oder norddeutschen Ländern eher selten zu finden. Im Sommer des Jahres 1831 brach in Russland die Cholera aus und verbreitete sich rasch über den baltischen Raum nach Westen. Hamburg war stark betroffen.

Sie sehen die kleinen Löcher im Briefpapier – das sind Zeugnisse einer Desinfektion, die vermutlich in Greifswald oder Stralsund vorgenommen wurde. In dem vorzüglichen Werk von K.F. Meyer „Desinfected Mail“ wird dieser Brief beschrieben. [1] Es kommt – wie so oft – auf den Inhalt an:

Anordnung vom 17.Oktober 1831 „Choleraausbruch in Hamburg“. Auf der zweiten Seite die Auflistung der Städte, die betroffen sind, mithin also die gesamte Ostsee-Küste. Die kleinen Durchlochungen („Rastellöcher“) im Briefpapier sind gut zu sehen.

Dieser Brief aus Schweden nach Amiens wurde über das K.S.&N.P.C. (=Königlich Schwedisches & Norwegisches Postcontor) in Hamburg abgefertigt und lief über das preußische Postamt nach Frankreich (CPR4 = Correspondance Prusse 4.Rayon), wo er beim Grenzübertritt geschlitzt und geräuchert wurde. Dies ist insofern ungewöhnlich, als Post aus Skandinavien während der Cholera-Epidemie möglichst unter Umgehung Hamburgs nach Süden geleitet wurde.

Aber nicht nur im Norden war man in Bezug auf die Cholera in Hamburg auf dem „Quivive“. Post aus Hamburg wurde eben auch an anderen Stellen „behandelt“. Hier kann ich einen Paketbegleitbrief zeigen, der vom hannoverschen Postamt in Hamburg abgefertigt wurde und nach Braunschweig ging:

Post nach Frankreich wurde  in Hamburg vom Thurn & Taxis`schen Postamt abgefertigt. Die Behandlung gegen die Seuche fand aber meines Wissens nicht in Hamburg statt, sondern erst nach dem Grenzübergang; jedenfalls ist in der mir zugänglichen Literatur kein Hinweis zu finden, dass sich in Hamburg (mit Ausnahme der Cuxhavener Quarantäne-Station) eine  „Contumaz“- oder Seuchenstation befand.

Interessant ist der Inhalt, den ich als Auszug wiedergebe:

„Die Cholera Krankheitsfälle steigen leider; von gestern bis heute, erkrankt 40, gestorben 12, genesen 6. In Summe jetzt: erkrankt 302, gestorben 133, genesen 17, bleibt Bestand 152. Man wird aber immer ruhiger, denn auch hier beurkundet es sich, dass bei vorsichtiger Lebensweise nicht viel zu fürchten, und bei gleich ärztlicher Hülfe, beim ersten Anfange, Rettung gewiß ist. Die bis jetzt Gestorbenen sind entweder solche, die prädisponiert waren, oder solche, die nach begangenen Diätfehler oder Erkältung zu spät Hülfe nachsuchten. Dergleichen leichtsinnige Leute giebt es in einer großen Stadt viele, und es ist daher kein Wunder, wenn Viele ergriffen wurden.“ 

Ebenfalls nach Bordeaux lief der folgende Brief

Auch hier beziehen sich Teile des Inhalts auf die Cholera:

„In Geschäften Stille, die Cholera ist hier seit mehreren Tagen sehr im Abnehmen wie aus anl. Bericht zu ersehen belieben. Wären nicht noch manche Störungen durch Absperrungen, man würde von der Krankheit nicht mehr reden, da überall nicht mehr darauf reflektiert wird.“

Es bleibt zu erforschen, warum der erste Brief nach Bordeaux Räucherschlitze aufweist, die beiden anderen jedoch „gerastelt“ wurden.

Ende Januar 1832 war in Hamburg die Cholera-Epidemie vorbei, dennoch wurde dieser Brief sogar zweimal desinfiziert – in Frankfurt a./M. und beim Grenzübertritt nach Frankreich (Rastellöcher für die „Durchräucherung“). Der Ovalstempel „Gereinigt in Frankfurt a./M.“ ist recht selten, dies hier ist, soweit mir bekannt ist, der späteste Abschlag.

In Hamburg selbst erschienen Extra-Ausgaben der Hamburgisch-Altonaischen Nachrichten zur Cholera-Epidemie, hier zwei Beispiele:

Neben den statistischen Zahlen findet man in den Innenteilen der Zeitungen auch Ratschläge, wie man sich verhalten solle. Formulierungen und „erhobene Zeigefinger“ ähneln sehr denen, die wir  heute – noch unter dem Eindruck der Corona-Jahre 2020-2022 –  meinen, doch alle schon einmal gehört zu haben…

 

[1] K.F.Meyer. Desinfected Mail, Kansas/USA, 1962. S.289

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (17) – Die Stader Stadtbotenpost

Die Stader Stadtbotenpost

In meiner Kolumne hatte ich Ihnen ja schon ausführlich das Hamburgische Amt „Ritzebüttel“ vorgestellt („Aspekte Nr. 14“). Ein weiteres spannendes Thema vom linken Elbufer ist die „Stader Stadtbotenpost“, die ebenso wie Ritzebüttel der Hamburger Postgeschichte hinzugerechnet werden muss. Und das nicht nur, weil die Stader seit früher Zeit mit Hamburg verbandelt waren – beide Städte gehörten der Hanse an -, sondern weil der Botendienst der Stader ausnahmslos Hamburg bediente und dort auch ein Kontor hatte.

Vielleicht sind Sie nicht aus Hamburg – dann kommen Ihnen Namen wie „Herrlichkeit“, „Kajen“ oder „Steinhoeft“ vermutlich nicht bekannt vor. Es sind alte Hamburger Straßennamen, die auch heute noch existieren.

Stadtspaziergang…

Hamburger Stadtpläne:

Die drei Straßennamen  sind jeweils gelb markiert. Heute ist das Gebiet durch mehrere Brücken und durch einige Vorbauten verändert, aber die Lage der drei Straßen zueinander ist immer noch gleich. Im Verlaufe von 40 Jahren im 19.Jahrhundert hatten die Stader Stadtboten ihre „Expedition“ (ihr Kontor würde man heute vielleicht sagen) nacheinander in den genannten drei Straßen.

Ein kurzer geschichtlicher Überblick:

Eine von den Kaufleuten eingerichtete Botenpost zwischen Stade und Hamburg ist in alten Urkunden seit dem 16.Jahrhundert belegt, sehr zum Leidwesen der Kurfürstlichen Regierung in Hannover, für die dieser besondere Dienst natürlich eine Konkurrenz zur bestehenden staatlichen Post (die über Horneburg-Harburg lief) war. So war der Transport auf Briefe, Geldsendungen und „kleine Packereien“ beschränkt. Der Bote fuhr wöchentlich zweimal, und zwar per Schiff von Twielenfleth. Nur bei Eisgang auf der Elbe war ihm der Transport über Land erlaubt, und „unterwegs“ noch andere Post anzunehmen, war ihm strengstens untersagt. Es gab immer wieder Streitereien mit der staatlichen Post, und erst um 1800 anerkannten die Hannoveraner den Stadtboten als „privilegierten Städteboten mit den Befugnissen der Postordnung von 1755“.   – „Nur soviel wie ein Pferd tragen kann“ – blieb allerdings die Maxime…

Die Stader Stadtbotenpost blieb bis zum Jahre 1868 bestehen; danach lohnte der Betrieb nicht mehr, da sich das Publikum immer mehr den staatlichen Diensten zuwandte. [1]

Nachstehend zeige ich Ihnen die Stempel, die im Zeitraum zwischen 1823 und 1855 in der Hamburger Expedition der Stader Stadtboten zum Einsatz kamen:

 

 

Obwohl diese Stempel über einen langen Zeitraum verwendet wurden, sind Belege davon selten zu finden. Das Handbuch der Arbeitsgemeinschaft hat gerade einmal 20 Stücke insgesamt registriert; es werden sicherlich einige mehr sein, aber Stempelraritäten sind es allemal.

Für die Beförderung von Geldsendungen oder Paketen musste der Stadtbote dem Absender eine Quittung ausstellen. Auch die Postscheine, die den Vordruck der „Stader Stadtboten Expedition“ zeigen, sind heutzutage nicht mehr häufig.

 

[1] Eine detailreiche Beschreibung findet sich im Stader Jahrbuch 1951: A. v.Lenthe. Von alten Botenposten in den Herzogtümern Bremen und Verden