Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (35): Hamburg – „konsularisch“ betrachtet

Bei Studien im Hamburger Staatsarchiv fiel mir vor einiger Zeit ein umfangreicher Aktenbestand auf, der sich auf Hamburgs konsularischen Vertretungen im Ausland um die Mitte des 19.Jahrhundert bezog.[1] Der Bestand umfasst Korrespondenzen, Dienstschreiben und Berichte von nicht weniger als 54 Hamburgischen Konsulaten, die im Zeitraum von 1837 bis 1867 bestanden und deren Akten im Staatsarchiv erhalten sind. In allen „wichtigen“ Hafen- und Handelsstädten war Hamburg konsularisch vertreten, von „Alicante“ bis „Syra“. Erstaunlicherweise findet sich auch ein Konsulat in Dresden und ein Vizekonsulat auf den Scilly-Inseln (!).

Meine Hoffnung, in den Akten irgendwelche Reglements bezüglich der Handhabung von Postsachen (z.B. in Bezug auf eine eventuelle Portofreiheit, das „Handling“ der Beförderung diplomatischer Post in besonderen Beuteln o.ä.) zu finden, erfüllte sich nicht. Hintergrund dieser Recherche war, wie Sie gleich sehen werden, das Auftauchen zweier interessanter Belege, bei denen ein „Hamburgisches Konsulat“ eine Rolle spielte …

Das Hamburg-Lübeckische Konsulat in Amsterdam

Vor einigen Jahren „stolperte“ ich über einen sehr originellen Beleg: Ein Brief aus den Niederlanden nach Lübeck mit zwei aufgeklebten Siegeloblaten des „Hamburgischen“ bzw. des „Lübeckischen“ Konsulates in Amsterdam, gelaufen nach Lübeck an den Senator Curtius, also mit Sicherheit eine offizielle Dienstsache.

Die damalige Beschreibung des Briefes im Auktionskatalog lautete: „1865, äusserst seltener Hamburger Konsulatsbrief vom „Hamburgischen General-Consulat zu Amsterdam“, mit vorderseitig zwei verschiedenen aufgeklebten Siegel-Oblaten der beiden Consulate (Hamburg und Lübeck, die gemeinsam betrieben wurden), gelaufen an den Senator Curtius in Lübeck. Es ist noch ein weiterer ähnlicher Brief aus gleicher Korrespondenz, jedoch mit aufgestempelten Siegeln, bekannt…“

Die Frage war für mich, warum beide Siegeloblaten aufgeklebt waren, üblicherweise wurde rückseitig ein Lack- oder Papiersiegel angebracht. Die Taxierungen zeigen, dass der Brief (bar) frankiert, Portofreiheit also ausgeschlossen war. Und dann gab es noch das im Attest erwähnte Pendant-Stück:

Zu den vielfältigen Aufgaben des Konsulates gehörten (wie auch heutzutage noch) Routinesachen wie das Ausstellen von Pässen; aber auch Handels- und Schifffahrtsrechtssachen, z.B. Regulierung von Havarie-Schäden, an denen Hamburger Schiffe beteiligt waren, gehörten dazu.

Fazit: Neben den rückseitigen roten Lacksiegeln tauchen blaue Negativ-Siegelstempel vorderseitig auf etlichen Dienstbriefen der Hamburgischen Konsulate in Holland auf, ab ca. dem Jahre1865.  Eine „postalische Funktion“ dürften sie aber nicht gehabt haben. Eindrucksvoll sind die Stempel ganz bestimmt, besonders wenn auf einem Umschlag gleich die Hamburger Burg und der Lübecker Doppeladler zu sehen waren!

[1] Staatsarchiv Hamburg, Signatur 132-6

Wer kennt heute noch Paul Voigt?

So sehen Sie aus, die ersten deutschen Fotoessays:

Ich hatte kürzlich Gelegenheit, diese einmalige Serie persönlich in die Hand zu nehmen. Nach den Brustschildmarken, die ja 1872 noch in Gulden- und Kreuzerwährung erschienen waren und den ersten „Pfennige“/“Pfennig“-Ausgaben aus den Jahren 1875/79, sollte im Jahre 1890 eine Markenausgabe in einem neuen Design erscheinen. Der jüngste Graphikdesigner der Reichsdruckerei wurde beauftragt. Sein Name: Paul Voigt. Die Reichsdruckerei war gerade einmal zwei Jahre alt, als er dort seine Ausbildung begann. 25 Jahre später war er der Chef der Gravierabteilung der Reichsdruckerei. Er wurde zu einem der Größten seiner Zunft im Deutschen Kaiserreich.

Diese Serie seiner Entwürfe aus dem Jahre 1889 – alle im gleichen Format der später erschienenen Marken –  ist erhalten geblieben. Paul Voigt hat sie Anfang der 1890er Jahre verschenkt. Sie tauchten dann in den 1980er Jahren erstmals wieder auf, nachdem man schon geglaubt hatte, dass sie in den Kriegswirren verschollen waren.

Zu Paul Voigts 25jährigem Dienstjubiläum hatte sich die Kollegen aus der Gravierabteilung „einen Spaß gemacht“ und dem Jubilar dieses kleine Dokument im Stil einer Banknote geschenkt. Briefmarken waren für die damaligen Graveure ein „Nebenprodukt“, andere Aufträge wie die Gravur von Banknoten, Ex Libris etc. nahmen einen viel größeren Umfang ein. Hier das Ex Libris von Paul Voigt:

Die berühmte „Krone/Adler“-Ausgabe des Deutschen Reiches wird heute von vielen Philatelisten „spezial“ gesammelt. Die sechs Marken erschienen in Millionenauflagen und waren über 10 Jahre lang die einzigen im gesamten deutschen Kaiserreich verwendeten Briefmarken. Wer aber kennt heute noch Paul Voigt?

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (21) – Das ist die Krönung !

Während ich heute, am 6.Mai 2023, diesen kleinen Beitrag verfasse, sitzt ein Teil meiner Familie vor dem Fernseher und sieht die Bilder aus London, zur Krönung Charles III. zum König von England. „Hunderttausende Zuschauer in London“, Millionen vor den Bildschirmen – für viele Menschen ein „once-in-a-lifetime-Ereignis“!

Vor 185 Jahren fand etwas Ähnliches in London statt:

Die Krönung Königin Victorias am 28.Juni 1838. Und auch schon damals muss in London der Ausnahmezustand geherrscht haben, denn zeitgenössischen Berichten zufolge sahen 400.000 Besucher das Spektakel. London hatte zu der Zeit immerhin auch schon 1,8 Millionen Einwohner und war die bevölkerungsreichste Stadt der Erde.

Warum ich dies alles erzähle? ich fand den Bericht eines Zeitzeugen, der in einem vierseitigen Brief seinen Freunden in Mecklenburg eine anschauliche Schilderung des Ereignisses liefert.

Die Absenderin oder der Absender („M.Blake“) muss zu den geladenen Gästen gehört haben, denn sie oder er hatte einen nahe Platz unmittelbar in der Nähe des Geschehens.

 

Aus dem langen Inhalt zitiere ich die folgenden Passagen:

„…The sight in the Abbey was very grand and beautiful, & the various services & ceremonies extremely interesting, the Queen went through it all beautifully  & seemed more au fait at her part in the business than most of the other great functionaries, she signed her name to the Oath with a firm and steady hand and was always self-possessed. She was always most overpondered, poor little thing, by the weight of her various dresses for  tho` she had 6 ladies of the chamberlain to hold up her train it seemed to dragging her clothes off her shoulders.

….

Poor Ld. [=Lord] Rolle (aged 89) fell backward down the step to the Throne as he was going to do Homage and everybody was alarmed , but he got up immediately and began to re-ascend the steps when the Queen moved forward from the throne & held out her Hand to him & Kiss, as it were, … She was always composed & dignified & thus raised good feeling, which was appreciated. …“

Aus dem Blickwinkel des Philatelisten ist dies vielleicht nur ein „einfacher“ Brief, der von London nach Mecklenburg ging und der – gemäß Vermerk links oben auf der Adressseite – „Pd 1 [sh.]/8 [d.]“  gekostet hat. „Per Hamburgh Steamer“ befördert, wurde er vom Stadtpostamt in Empfang genommen und zur Weiterleitung an das Mecklenburgische Postamt übergeben, das dem Brief seinen zweizeiligen Bestätigungsstempel aufdrückte. Es ist die mit am häufigsten vorkommende Type (9) gemäß Stempelhandbuch und noch nicht einmal besonders gut abgeschlagen. Vielleicht können Sie einen solchen Brief für 20 oder 30 Euro auf einer Messe finden – aber für einen wahren „Royalisten“ liegt der innere Wert aber doch deutlich höher, oder nicht ?!