Bulletin

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (18) – Das Cholerajahr 1831

Desinfizierte Post

Ein sehr interessantes Thema ist die Behandlung der Post in Zeiten von Seuchen. Man ging früher davon aus, dass durch das Übergeben („von Hand zu Hand“) von Briefen oder Paketen möglicherweise auch Krankheiten übertragen werden konnten und ersann daher verschiedene Möglichkeiten, Briefe und andere Postsachen zu desinfizieren. Das geschah insbesondere durch Eintauchen in Essigwasser oder durch Räuchern von Poststücken in speziellen Räucherkammern. Hierfür wurden die Briefe oftmals vorher mit Messern geschlitzt oder mit Nadeln durchstoßen, so dass der Rauch die Briefschaften sozusagen „durchströmen“ konnte.

Den Nachweis einer Desinfektion ist bei frühen Briefen nicht immer sicher zu erbringen; oftmals sind bräunliche Verfärbungen im Briefpapier, die von der Reinigung mit Essigwasser herrühren und die dann meist gehäuft in bestimmten Jahren zu finden sind , die einzigen Zeugnisse. Erst ab der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts wurde dann vielfach durch einen entsprechenden Stempel auf der Briefschaft die Prozedur der Desinfektion dokumentiert. Aus Hamburg kennen wir die Cuxhavener Quarantäne-Stempel, von denen ich einige schon in einem vorherigen Beitrag gezeigt habe. (www.schwanke-philatelie.de/2021/04/aspekte-zur-hamburger-postgeschichte-14-das-amt-ritzebuettel/)

Die Cuxhavener Quarantäne-Stempel sind fast immer auf Post zu finden, die von – meist – überseeischen Gebieten nach Hamburg hereinkam. Ich habe einen Brief gefunden, bei dem dieser Stempel auf ausgehender Post zu sehen ist:

Dieser Brief kam aus Bremen und wurde vermutlich über die hannoversche Postroute nach Ritzebüttel/Cuxhaven befördert und dort als ausgehende Post vom Amtmann Hartung „behandelt“. Bei der Ankunft in England hat man ihn dann noch ein zweites Mal desinfiziert, mittels Räucherschlitzen und wohl auch Essigwasser, und zwar in Queensborough.

Findet man Desinfektionsstempel auf Post aus z.B. dem Mittelmeerraum relativ häufig, so sind solche aus nordischen oder norddeutschen Ländern eher selten zu finden. Im Sommer des Jahres 1831 brach in Russland die Cholera aus und verbreitete sich rasch über den baltischen Raum nach Westen. Hamburg war stark betroffen.

Sie sehen die kleinen Löcher im Briefpapier – das sind Zeugnisse einer Desinfektion, die vermutlich in Greifswald oder Stralsund vorgenommen wurde. In dem vorzüglichen Werk von K.F. Meyer „Desinfected Mail“ wird dieser Brief beschrieben. [1] Es kommt – wie so oft – auf den Inhalt an:

Anordnung vom 17.Oktober 1831 „Choleraausbruch in Hamburg“. Auf der zweiten Seite die Auflistung der Städte, die betroffen sind, mithin also die gesamte Ostsee-Küste. Die kleinen Durchlochungen („Rastellöcher“) im Briefpapier sind gut zu sehen.

Dieser Brief aus Schweden nach Amiens wurde über das K.S.&N.P.C. (=Königlich Schwedisches & Norwegisches Postcontor) in Hamburg abgefertigt und lief über das preußische Postamt nach Frankreich (CPR4 = Correspondance Prusse 4.Rayon), wo er beim Grenzübertritt geschlitzt und geräuchert wurde. Dies ist insofern ungewöhnlich, als Post aus Skandinavien während der Cholera-Epidemie möglichst unter Umgehung Hamburgs nach Süden geleitet wurde.

Mecklenburg war sehr vorsichtig. Ein Brief aus dem hannoverschen Stade über Hamburg nach Mecklenburg. In Hamburg dem mecklenburgischen Postamt übergeben (Zweizeiler Hamburg/31.12.1831), adressiert nach „Golchen bei Brühl“. Der Brief wurde an der Grenze desinfiziert – Rastellöcher und der kleine Kreisstempel SAN.ST. mit dem Büffelkopf. Dieser Stempel ist sehr selten, ich kenne außer diesem Brief nur einen weiteren, der in den Büchern von K.F.Meyer und C. Ravasini abgebildet ist. Dazu heißt es dort: „…cholera was very much feared and the letters were destroyed.“ [2]

Aber nicht nur im Norden war man in Bezug auf die Cholera in Hamburg auf dem „Quivive“. Post aus Hamburg wurde eben auch an anderen Stellen „behandelt“. Hier kann ich einen Paketbegleitbrief zeigen, der vom hannoverschen Postamt in Hamburg abgefertigt wurde und nach Braunschweig ging:

Post nach Frankreich wurde  in Hamburg vom Thurn & Taxis`schen Postamt abgefertigt. Die Behandlung gegen die Seuche fand aber meines Wissens nicht in Hamburg statt, sondern erst nach dem Grenzübergang; jedenfalls ist in der mir zugänglichen Literatur kein Hinweis zu finden, dass sich in Hamburg (mit Ausnahme der Cuxhavener Quarantäne-Station) eine  „Contumaz“- oder Seuchenstation befand.

Interessant ist der Inhalt, den ich als Auszug wiedergebe:

„Die Cholera Krankheitsfälle steigen leider; von gestern bis heute, erkrankt 40, gestorben 12, genesen 6. In Summe jetzt: erkrankt 302, gestorben 133, genesen 17, bleibt Bestand 152. Man wird aber immer ruhiger, denn auch hier beurkundet es sich, dass bei vorsichtiger Lebensweise nicht viel zu fürchten, und bei gleich ärztlicher Hülfe, beim ersten Anfange, Rettung gewiß ist. Die bis jetzt Gestorbenen sind entweder solche, die prädisponiert waren, oder solche, die nach begangenen Diätfehler oder Erkältung zu spät Hülfe nachsuchten. Dergleichen leichtsinnige Leute giebt es in einer großen Stadt viele, und es ist daher kein Wunder, wenn Viele ergriffen wurden.“ 

Ebenfalls nach Bordeaux lief der folgende Brief

Auch hier beziehen sich Teile des Inhalts auf die Cholera:

„In Geschäften Stille, die Cholera ist hier seit mehreren Tagen sehr im Abnehmen wie aus anl. Bericht zu ersehen belieben. Wären nicht noch manche Störungen durch Absperrungen, man würde von der Krankheit nicht mehr reden, da überall nicht mehr darauf reflektiert wird.“

Es bleibt zu erforschen, warum der erste Brief nach Bordeaux Räucherschlitze aufweist, die beiden anderen jedoch „gerastelt“ wurden.

Ende Januar 1832 war in Hamburg die Cholera-Epidemie vorbei, dennoch wurde dieser Brief sogar zweimal desinfiziert – in Frankfurt a./M. und beim Grenzübertritt nach Frankreich (Rastellöcher für die „Durchräucherung“). Der Ovalstempel „Gereinigt in Frankfurt a./M.“ ist recht selten, dies hier ist, soweit mir bekannt ist, der späteste Abschlag.

In Hamburg selbst erschienen Extra-Ausgaben der Hamburgisch-Altonaischen Nachrichten zur Cholera-Epidemie, hier zwei Beispiele:

Neben den statistischen Zahlen findet man in den Innenteilen der Zeitungen auch Ratschläge, wie man sich verhalten solle. Formulierungen und „erhobene Zeigefinger“ ähneln sehr denen, die wir  heute – noch unter dem Eindruck der Corona-Jahre 2020-2022 –  meinen, doch alle schon einmal gehört zu haben…

 

[1] K.F.Meyer. Desinfected Mail, Kansas/USA, 1962. S.289

[2] Carlo Ravasini. Documenti Sanitari, Turin, o.J. S.342

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (17) – Die Stader Stadtbotenpost

Die Stader Stadtbotenpost

In meiner Kolumne hatte ich Ihnen ja schon ausführlich das Hamburgische Amt „Ritzebüttel“ vorgestellt („Aspekte Nr. 14“). Ein weiteres spannendes Thema vom linken Elbufer ist die „Stader Stadtbotenpost“, die ebenso wie Ritzebüttel der Hamburger Postgeschichte hinzugerechnet werden muss. Und das nicht nur, weil die Stader seit früher Zeit mit Hamburg verbandelt waren – beide Städte gehörten der Hanse an -, sondern weil der Botendienst der Stader ausnahmslos Hamburg bediente und dort auch ein Kontor hatte.

Vielleicht sind Sie nicht aus Hamburg – dann kommen Ihnen Namen wie „Herrlichkeit“, „Kajen“ oder „Steinhoeft“ vermutlich nicht bekannt vor. Es sind alte Hamburger Straßennamen, die auch heute noch existieren.

Stadtspaziergang…

Hamburger Stadtpläne:

Die drei Straßennamen  sind jeweils gelb markiert. Heute ist das Gebiet durch mehrere Brücken und durch einige Vorbauten verändert, aber die Lage der drei Straßen zueinander ist immer noch gleich. Im Verlaufe von 40 Jahren im 19.Jahrhundert hatten die Stader Stadtboten ihre „Expedition“ (ihr Kontor würde man heute vielleicht sagen) nacheinander in den genannten drei Straßen.

Ein kurzer geschichtlicher Überblick:

Eine von den Kaufleuten eingerichtete Botenpost zwischen Stade und Hamburg ist in alten Urkunden seit dem 16.Jahrhundert belegt, sehr zum Leidwesen der Kurfürstlichen Regierung in Hannover, für die dieser besondere Dienst natürlich eine Konkurrenz zur bestehenden staatlichen Post (die über Horneburg-Harburg lief) war. So war der Transport auf Briefe, Geldsendungen und „kleine Packereien“ beschränkt. Der Bote fuhr wöchentlich zweimal, und zwar per Schiff von Twielenfleth. Nur bei Eisgang auf der Elbe war ihm der Transport über Land erlaubt, und „unterwegs“ noch andere Post anzunehmen, war ihm strengstens untersagt. Es gab immer wieder Streitereien mit der staatlichen Post, und erst um 1800 anerkannten die Hannoveraner den Stadtboten als „privilegierten Städteboten mit den Befugnissen der Postordnung von 1755“.   – „Nur soviel wie ein Pferd tragen kann“ – blieb allerdings die Maxime…

Die Stader Stadtbotenpost blieb bis zum Jahre 1868 bestehen; danach lohnte der Betrieb nicht mehr, da sich das Publikum immer mehr den staatlichen Diensten zuwandte. [1]

Nachstehend zeige ich Ihnen die Stempel, die im Zeitraum zwischen 1823 und 1855 in der Hamburger Expedition der Stader Stadtboten zum Einsatz kamen:

 

 

Obwohl diese Stempel über einen langen Zeitraum verwendet wurden, sind Belege davon selten zu finden. Das Handbuch der Arbeitsgemeinschaft hat gerade einmal 20 Stücke insgesamt registriert; es werden sicherlich einige mehr sein, aber Stempelraritäten sind es allemal.

Für die Beförderung von Geldsendungen oder Paketen musste der Stadtbote dem Absender eine Quittung ausstellen. Auch die Postscheine, die den Vordruck der „Stader Stadtboten Expedition“ zeigen, sind heutzutage nicht mehr häufig.

 

[1] Eine detailreiche Beschreibung findet sich im Stader Jahrbuch 1951: A. v.Lenthe. Von alten Botenposten in den Herzogtümern Bremen und Verden

 

 

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (16) – Zeitzeugen: Die Bombardierung von Kopenhagen.

Zeitzeuge sind sie eigentlich ja alle, die Briefe, die aus alten Zeiten erhalten sind und deren Inhalte über das Leben und Arbeiten vor 200 Jahren Auskunft geben. Der Brief, den ich heute vorstelle, ist aber außergewöhnlich. Er ist ein Zeitzeuge der

Bombardierung von Kopenhagen im September 1807.

Der geschichtliche Hintergrund: 

Dänemark war politisch mit Frankreich „verbandelt“. Die dänische Handelsflotte wurde von der britischen Marine auf ihren Routen behindert, woraufhin die dänische Regierung zum Schutz eine Bewaffnung der Schiffe vornahm. Das veranlasste die Britische Admiralität, präventiv (!) die Bombardierung Kopenhagens zu befehlen, um einen potentiellen Gegner auszuschalten. Die Bombardierung Kopenhagen erfolgte vom 2.-5.September 1807 und richtete erhebliche Schäden an: 30% der Stadtfläche von Kopenhagen wurden zerstört und ca. 2000 Tote waren zu beklagen. In der Folge wurde die Auslieferung der dänischen Flotte an England erzwungen und Kopenhagen wurde sechs Wochen von britischen Truppen besetzt.

Der Postverkehr zwischen Hamburg und Kopenhagen war bis Mitte Oktober 1807 unterbrochen. Es sind nur ganz wenige Briefe aus dem Zeitraum von Mitte August bis Mitte Oktober 1807 bekannt, die vermutlich in einem verschlossenen Umschlag per Handelsschiff, privat, oder, wie oben gezeigt, durch die Feldpost befördert wurden. Georg Mehrtens hat in seinem Vortrag in der Philatelistischen Bibliothek Hamburg im November 2021 die schwierigen Umstände zu der Zeit – anhand eines Beleges, der in umgekehrter Richtung lief – dargelegt.[1]

Nun zu dem außerordentlich interessanten Inhalt des Briefes:

 

Copenhagen, d. 12ten Septbr. 1807

Seit mein letzter Brief vom 16.August ist ahle Communication zwischen Seeland und den festen Landen abgeschnitten gewesen, so daß keiner selbst jetzt nicht hier weiß, was auf dem festen Lande geschehen.- Hier hat der Engländer als gewöhnlicher Seeräuber seine Rohle höllisch gespielt – die Stadt ist mit 8- 10 000 Bomben beschoßen und nach 4-tägiges Bombardement, nachdem 1/3 der Stadt gebrandt und hunderte Familien unglücklich geworden, hat der Commandant capitulirt und unsere ganze Dänische Flotte wird den Engländern übergeben, und nach 6 Wochen müßen die Engländer Seeland verlaßen – Der Däne träumte keinen Krieg als er von 30 000 Engländern überfallen wurden, die Dänen waren keine 3000 Mann. Wärend der Belagerung die vier Wochen dauerte, war jeder Bürger Soldat, auch ich war freywillig Vertheidiger meines Vaterlandes – von unser Corps welches 500 Mann stark war, sind 66 Thöden und Verwundeten -. Da der Abreise jetzt erlaubt ist, so ziehe ich nach Norwegen, und werde ahles bey dieser Confusion verusachten Zufahles zu Ihrer nötigen Zufriedenheit in Ordnung zu bringen…  

 

 

 

Ob nun in Norwegen das Leben leichter war, darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls war der Absender guten Willens, seine Geschäfte mit Schröder & Schyler zu regulieren…

 

[1] Georg D.Mehrtens. Einige Anmerkungen zum Postverkehr zwischen Frankreich und Skandinavien in den Kriegszeiten der Französischen Revolution von 1783-1813. Postverkehr über Hamburg nach Skandinavien in den Zeiten Napoleonischer Kriege. Philatelistische Bibliothek Hamburg, November 2021.