Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (6): Probedrucke und Neudrucke der Steindruckmarken

Über Probedrucke und Neudrucke der Hamburger Steindruckmarken

Nicht schon wieder – zu diesem Thema ist doch schon alles gesagt, werden Sie einwenden. Jedoch, alles noch nicht, und auch nicht von Jedem.

Sie erhalten von mir hier sozusagen einen zusammengefaßten Überblick – und am Ende werden Sie mir vielleicht zustimmen: „Vorhang zu und – ein paar Fragen offen….“

Ausgangspunkt ist das Jahr 1868, als der Briefmarkenhändler Julius Goldner vom Hamburger Senat sämtliche Restbestände der Hamburger Briefmarken kaufte. Der Preis waren 1000 Mark Courant, entsprechend 1200 Reichsmark[1]. Vergleicht man die Kaufkraft der damaligen Goldmark mit unserem heutigen Euro, so wären dies mit dem „breiten Daumen“ wenigstens 10.000 Euro (2020).

Folgt man den historischen Quellen, so spannte Goldner sein Fuhrwerk an, transportierte alles ab und lagerte den ganzen Posten in seinem Keller – der unglücklicherweise etwas feucht war. Mit der Folge, dass die Briefmarkenbögen zusammenpappten und Goldner sie wässern musste. Die Gummierung war weg, die Bögen trockneten an der Wäscheleine, und wir haben jetzt die Restbestände ohne Gummierung, wie sie auch in den Katalogen notiert sind und gehandelt werden.

Der Verkauf der ungebrauchten Marken muss in den ersten Jahren recht schleppend gegangen sein, denn Goldner versuchte mit Rabattaktionen den Umsatz anzukurbeln.[2] Unter den Restbeständen befanden sich zudem fast keine Marken der ungezähnten und nur geringe Mengen der gezähnten Steindruckmarken.[3] Das Käuferpublikum wollte aber möglichst „komplette“ Sammlungen erwerben, und so setzte sich Goldner mit der Druckerei C.Adler in Verbindung, die die damaligen Steindruckmarken hergestellt hatte. Dort waren zwar die Druckplatten längst vernichtet worden, aber der Druck-“Urstein“ hatte überlebt, und zwar deshalb, weil Adler immer noch Flaschenetiketten – nämlich für „Feinsten alten Goa-Arrac“ – für die Mohr`sche Destillerie in Heide druckte, und auf diesem Urstein waren auch die beiden Briefmarken zu 1 ¼ und 2 1/2 Schilling.

Von diesem Urstein fertigte Adler nun neue Druckplatten an, und die Produktion der Neudrucke konnte beginnen.

Historisch gesehen, habe ich die früheste Erwähnung (und Beschreibung) der Neudrucke bei F. Kalkhoff in „Illustriertes Verzeichnis aller bekannten Neudrucke staatlicher Postwertzeichen“, aus dem Jahre 1892, gefunden. [4] Er beschreibt lediglich, dass es die Neudrucke ungezähnt und gezähnt (und zwar in der Originalzähnung 13 ½ und in der Zähnung 11 ½) in verschiedenen Farbtönen gibt und stellt fest: „Allen Neudrucken fehlt das Wasserzeichen“.

Den ersten „wissenschaftlichen“ Bericht zu den Hamburger Neudrucken lieferte dann 1902 Major a.D. P. Ohrt in einem Vortrag auf dem VI. Deutschen Sammlertag in Berlin.[5] Am Ende des Vortrags: „Beifall. Anregung von Herrn Kosack (Berlin), …den Vortrag mit allen Abbildungen als Monographie erscheinen zu lassen“.

Die gewünschte Monographie erschien dann im Jahre 1906: P. Ohrt`s Werk „Handbuch aller bekannten Neudrucke staatlicher Postfreimarken und Ganzsachen“. In diesem Handbuch listet Ohrt alle bekannten Neudrucke auf und man kann – für das Gebiet Hamburg – diese Arbeit als auch heute noch gültige Grundlage nehmen.

Alle später erschienenen Artikel (u.a. von E.Vicenz [6], L.Senf [7]) und auch das Kohl-Handbuch [7]) haben Ohrt`s Erkenntnisse übernommen, um es vornehm auszudrücken.
Im Nachfolgenden stelle ich Ihnen jetzt die verschiedenen Neudrucke vor. Ich folge dabei dem „Kohl-Handbuch“, zum einen, weil es die Neudrucke am ausführlichsten beschreibt und zum anderen, weil es tatsächlich noch immer das aktuellste Werk zum Thema ist.

1. Neudrucke ohne Wasserzeichen

Freundlicherweise hat auf der Rückseite der Drucker vermerkt: „150 Blatt 23/4 72“, mit anderen Worten, es war eine Drucktranche von 14.400 Stück. Die Neudrucke wurden auf verschiedenen Papiersorten und mit unterschiedlichen Arten der Gummierung produziert.
Ein paar Beispiele für die verschiedenen Farben der Neudrucke, alle in Anlehnung an die Originalfabren des 1 ¼ Schilling-Wertes, von hell bis dunkel. Besonders bemerkenswert ist das mittlere Stück mit den Reihenzählern an der Seite und unten (!!). Major a.D.  P. Ohrt schreibt im Jahre 1906 nicht ohne eine gewisse Arroganz und Häme gegenüber dem Produzenten Goldner [5], „…dass die fraglichen Stücke keine Originale sind, dafür spricht…das Fehlen der Randzähler. Gerade einen solchen Markenbogen als Vorbild…anzunehmen…hatte Goldner schon damals das Pech.“ Das Kohl-Handbuch und andere haben diese Behauptung unverändert übernommen.
Und auch hier irrte der Herr Major, wenn er konstatiert, dass die Neudruckbögen des ungezähnten 2 ½ Schilling-Wertes sämtlich ohne Firmenzeichen gedruckt wurden. Als Grund dafür gibt er an, dass Goldner wohl durch den Firmeneindruck bei den Originalen auf die Druckerei Adler aufmerksam geworden sei und nun bei den Neudruckbögen das Firmenzeichen „C.Adler, Hamburg“ herausgeschnitten habe, quasi um die für ihn wertvolle Druck-“Quelle“ zu verschleiern. Nehmen wir einmal an, dass er zumindest bei einigen Bögen dies nicht getan hat. Auch hier haben Kohl u.a. dann Ohrt`s Behauptung unreflektiert übernommen.
Auch bei diesem Wert gibt es ein breites Farbenspektrum. Bitte sehen Sie sich auch die verschiedenen Formen der Reihenzähler an. Zumindest kann man Goldner nicht absprechen, dass er sehr kreativ war.

Essais, Probedrucke etc. waren bei den Sammlern des ausgehenden 19.Jahrhunderts sehr beliebt. Dies hat mit Sicherheit dazu geführt, dass Goldner Phantasiedrucke produzieren ließ, die der Kundschaft als begehrenswerte Sammelobjekte angeboten wurden.

Ohrt nummeriert diese Phantasiedrucke in seinem Werk [9] – unter den Nummern 623 bis 632 – und beschreibt sie völlig korrekt, wie folgt:

Schwarz auf weißem Papier“: 1 ¼ Schilling und 2 ½ Schilling (Nr.623-624)

Farbiger Druck der 1 ¼ Schilling braunviolett und 2 ½ Schilling grün auf farbigem Papier“,

– auf Rosa (Nr.625-626)

– auf Dunkelblau (Nr.627-628)

– auf Orangegelb (Nr.629-630)

– auf Hellgrau (Nr.631-632)

Bitte schlagen Sie jetzt einmal Ihren Michel-Spezial-Katalog Deutschland auf und lesen im Kapitel Altdeutschland (Hamburg) die Beschreibung von beispielsweise zwei Probedrucken der Mi.Nr. 8 und 9, also der von uns betrachteten Steindruckmarken:

8 P3 braun auf hellgelb oder purpurviolett auf grau, Papier oWz.

9 P2 opalgrün auf hellgelb oder auf lila, Papier oWz.“

Fällt Ihnen auch etwas auf? „Purpurviolett“ oder „opalgrün“ klingt natürlich deutlich eleganter als schlicht violett oder grün, aber ich bringe den Verdacht nicht los, dass hier irgendwann Goldner`sche Phantasiedrucke Pate bei der Katalogisierung gestanden haben.

Namhafte Hamburg-Experten und langjährige Prüfer wie Wolfgang Jakubek und Gertraud Lange haben solche „Probedrucke“ nie attestiert.

Ein Probedruck wird ja auch gewöhnlich VOR dem Druckbeginn der endgültigen Marke angefertigt. Dies wäre schon zeitlich kaum machbar gewesen, wie ich bereits in meinem Kapitel zum Entstehen der beiden 1864er Steindruck-Marken ausgeführt habe. (Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (5) ).

Auch gibt es von Hamburger Briefmarken meines Wissens überhaupt keine offiziellen Probedrucke, jedenfalls hat auch der Hamburger Senat kein solches Verfahren vor Einführung der Freimarken angewendet.[1]

Was also ist von diesen „Probedrucken“ zu halten?

Sehen wir uns nun die gezähnten Neudrucke auf Papier ohne Wasserzeichen an:

Das oben Gesagte fällt auch hier ins Auge: eine Vielzahl verschiedener Farben und teilweise mit Reihenzählern auf den Rändern des 1 ¼ Schilling-Wertes. Die Zähnung war zunächst „13 1/2“ wie die der Originale, war aber „unscharf“, weil durch Abnutzung der Stifte oft Papier in den Zwischenräumen hängenblieb. Die neue Zähnungsmaschine produzierte dann eine Zähnung „11 1/2“

2. Neudrucke mit Wasserzeichen

P. Ohrt und das Kohl-Handbuch berichten übereinstimmend, dass Julius Goldner nicht der Auftraggeber für diese Neudruckausgaben mit Wasserzeichen war, er aber diese sehr wohl verkauft hat.

Erstaunlicherweise war Papier mit Wasserzeichen zum Ende der Hamburger Markenzeit noch reichlich vorhanden. Es lag als Notizpapier auf Hamburger Postämtern aus und war als solches noch Mitte der 1880er Jahre auf dem Postzollamt 3 im Valentinskamp erhältlich. [5, 8]

Die ungezähnten Neudrucke auf Wasserzeichenpapier kommen in der Farbe z.T. den Originalen schon „einigermaßen“ nahe:

Die Farbe „rosalila“ des Blockstücks kann bestenfalls mit der nicht mehr zur Ausgabe gekommenen Mi.Nr. 8 „purpurlila“ verwechselt werden. Ohrt hat aber in seinem Werk auf die unterschiedlichen Drucksteine von Originalen und Neudrucken hingewiesen und die einzelnen Feldmerkmale dort genau beschrieben [10], so dass man mit ein wenig Übung eigentlich nicht in diese Falle tappen kann…

Von den gezähnten Neudrucken mit Wasserzeichen findet man hauptsächlich solche in Phantasiefarben:

Vertauschte Farben – das war doch mal etwas Neues! In in- und ausländischen Zeitungen wurden diese Stücke prompt als Raritäten angekündigt.[11] Und doch stammten alle aus dem Umfeld der Firma Julius Goldner.

Bleibt noch festzuhalten, dass Major a.D. P. Ohrt im Jahre 1896 der Firma Adler den Druckstein abkaufte und dem Reichspostmuseum übereignete. Die Zähnungsmaschine erwarb er ebenfalls und überstellte sie nach Berlin.

Die Katalogisierung der Neudrucke der Steindruckmarken, wie sie im Kohl-Handbuch von 1933 zu finden ist, folgt hiernach.

Goldner`s Neudrucke von Hamburg – Katalogisierung

In aller Kürze:

Es gibt Neudrucke NUR von den Steindruckmarken. Es geht also um die Katalognummern nach Michel Nr. 8, 9, 12 und 14 bzw. nach dem Kohl-Handbuch Nr. 8, 9, 17 und 18.

Es existieren:

Neudrucke auf Papier OHNE Wasserzeichen (N I) – annähernd Originalfarben – 

Neudrucke auf Papier MIT Wasserzeichen     (N II) – annähernd Originalfabren –

Neudrucke in Phantasiefarben (N I A und N II A)

Die genaue Bestimmung folgt hier nach dem Kohl-Handbuch, da im „Michel“ die Neudrucke nicht oder nur sehr lückenhaft aufgeführt sind.

  • N I Neudrucke auf Papier OHNE Wasserzeichen
  • vermutlich ab ca. 1868 produziert – 

8 N I, 1 1/4 Schilling ungezähnt, in den Farben purpur, lila, braunlila bis schokol.braun, schwarzbraun, fleischfarben, violett, malven

9 N I, 2 1/2 Schilling ungezähnt, in den Farben dkl`bis hellgrün, bläul`, gelb-, oliv bis graugrün

17 N I, 1 1/4 Schilling gezähnt, in Farben ähnlich des ungezähnten Wertes

18 N I, 2 1/2 Schilling gezähnt, in Farben ähnlich des ungezähnten Wertes

  • N I A Neudrucke auf Papier OHNE Wasserzeichen in Phantasiefarben 
  • vermutlich um 1872 bis Mitte 1875 produziert –

8 N I A, 1 1/4 Schilling ungezähnt – lt. Kohl HB 6 Farben, überwiegend lilabraune Töne

9 N I A, 2 1/2 Schilling ungezähnt – lt. Kohl-HB 8 Farben, überwiegend grüne Töne

17 N I A, 1 1/4 Schilling gezähnt, in grünen Tönen

18 N I A, 2 1/2 Schilling gezähnt, in purpur- bzw. violetten Tönen

  • N II Neudrucke auf Papier MIT Wasserzeichen
  • vermutlich 1870er (1874 ?) Jahre produziert –

8 N II, 1 1/4 Schilling ungezähnt mattpurrpurlila

9 N II, 2 1/2 Schilling ungezähnt hellgelbgrün

17 N II, 1 1/4 Schilling gezähnt mattpurrpurlila

  • N II A Neudrucke auf Papier MIT Wasserzeichen, in Phantasiefarben 
  • Ende 1874 bzw. nach 1875 produziert –

8 N II A, 1 1/4 Schilling ungezähnt, in gelb, braun, rosakarmin

17 N II A, 1 1/4 Schilling gezähnt in grün [„hellgelbl`seegrün“]

18 N II A, 2 1/2 Schilling gezähnt in trübgraulila

Lassen Sie mich zum Schluß meiner Betrachtungen über die Hamburger Neudrucke noch einmal aus den Akten des Hamburger Staatsarchivs zitieren. [1] Es sind sozusagen „Geschichten, die das Leben schrieb“…Nachfolgendes steht unter dem Motto:

„Tausche getrocknete Edelweißblumen gegen Hamburger Briefmarken…“!

Offensichtlich noch viele Jahre nach dem Ende der Hamburger Posthoheit müssen beim Senat Anfragen aus aller Welt nach Hamburger Briefmarken eingetroffen sein. Im Staatsarchiv sind einige Briefe erhalten geblieben.

So zum Beispiel dieser Brief:

19 Mars 1891

Monsieur le bourgemestre,

mon fils fait depuis longtemps une collection de timbres postes ayant déja servi mais malgré ses recherches…il n`a pas pu en trouver de Hambourg, votre ville. Voudrez vous avoir l`obligeance de lui envoyer la collection de divers timbres de Hambourg ayant déja servi pour combler le vide fait dans sa collection.

J`ose esperer que vous voudrez bien accéder à ma petite demande et soyez assuré à l`avance de ma plus profonde reconnaissance et celle de mon fils…

Das schreibt am 19. März 1891 Jean Claude Vallance, „maire de Lavaline devant Bruyeres par Epinal Vosges, France“. Er schreibt also gewissermaßen „von Bürgermeister zu Bürgermeister“ und schließt mit dem kühnen Postskriptum:

PS: J`attends votre reponse vers la fin de ce mois, Merci.

[Herr Bürgermeister,

mein Sohn hat seit langer Zeit eine Sammlung bereits gebrauchter Briefmarken, aber trotz seiner Versuche konnte er keine von Hamburg, Ihrer Stadt, finden. Hätten Sie die Güte, ihm eine Sammlung verschiedener bereits gebrauchter Briefmarken von Hamburg zu senden, um die Lücken in seiner Sammlung zu füllen.

Ich wage zu hoffen, dass Sie meiner kleinen Bitte entsprechen können und versichere Sie meiner und meines Sohnes tiefer Dankbarkeit…

PS: Ich erwarte Ihre Antwort bis zum Ende des Monats, Danke.]

Oder wir lesen diese Anfrage aus der Schweiz:

Bern, 8 Febr. 1897

An seine Excellenz Herrn Präsident des Senats der Stadt Hamburg

Der Unterzeichner Walter Messerli, Schüler der Sekundaschule in Bern, erlaubt sich mit diesen Zeilen eine kleine Bitte an Sie zu richten. Ich habe nämlich vor einiger Zeit eine Markensammlung begonnen, wie das hier bei vielen Schülern der Fall ist. Nun habe ich von ganz Deutschland doch von allen Königreichen und Fürstenthümern Marken erhalten, aber leider noch keine von Hamburg auftreiben können.

Ich habe deshalb die Freiheit genommen, mich an Sie zu wenden mit der ergebenen Bitte, mir, wenn möglich einige alten Marken Ihrer berühmten Stadt zusenden zu wollen, wofür gerne eine Gegenleistung in einer oder anderen Weise gemacht würde.

Wenn es auch nur von jeder Sorte ein Stück wäre, so hätte ich große Freude daran und danke Ihnen im voraus bestens für eine kleine Antwort.

In dieser Erwartung grüßt Sie mit aller Hochachtung u. Ergebenheit Walter Messerli, Sekundaschüler, 11 Fellenbergstraße, Bern, Schweiz.

N.B. Würden Ihnen vielleicht einige getrocknete Alpenrosen u. schöne Edelweißblumen angenehm sein? Sehr gerne dazu bereit. -Obiger.

Ganz offensichtlich hat es aber im Archiv noch irgendwelche Bestände gegeben. Ich vermute, es handelte sich dabei meist um Neudrucke der in Berlin gedruckten Mi.Nr. 20-21 (von denen sogar „Muster“ in der entsprechenden Akte des Archives verwahrt sind), aber auch einige andere Sorten. …Denn:

Auf eine Anfrage aus Österreich hatte die Kanzlei des Senats unter dem Datum des 25.Februar 1911 einem Fräulein Heinzinger aus Wien sechs Briefmarken gesandt, und zwar:

„1 zu ½ Schilling

2 zu 1 ¼ Schilling „verschiedener Aufmachung“

1 zu 1 ½ Schilling

2 zu 2 ½ Schilling verschiedener Aufmachung und Farbe“

Die beschenkte Dame war sehr glücklich; ihr Antwortschreiben ist in den Akten ebenfalls erhalten geblieben:

Wien, 2.März 1911

An den Bürgermeister…

…haben Sie meine ergebene Bitte, zu meiner großen Freude, nicht ungnädig aufgenommen und ließen mir 6 Stück alter Hamburger Briefmarken senden. Ich habe dieselben heute erhalten und erlaube mir, Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, für diese schönen Marken ergebenst zu danken! Jetzt erst wurde ich darüber aufgeklärt, dass die Hamburger Briefmarken schon lange Zeit nicht mehr ausgegeben werden und dass dieses schöne Geschenk auch wertvoll ist….

Das schreibt Fräulein Pauline Heinzinger, III., Parkgasse 11

Das war in aller Kürze meine Zusammenfassung. Und damit – wie schon gesagt: Vorhang zu und einige Fragen offen….

 

Anmerkungen:

[1] Staatsarchiv Hamburg, Signatur 111-1_1133 Verbleib der Postwertzeichen. 1886, Protokoll der Finanzdeputation und Antwort aus dem Stadtarchiv vom 26.Januar

[2] Bericht von E.Vicenz in „Hennings Philatelistische Mitteilungen, 1925“: „..daß er sogar jedem Käufer, der in seinem Geschäft Marken im Werte von Mk. 3.- kaufte, je einen Satz der gezähnten Ausgabe…als Gratisbeilage gab. Ich habe den alten Herrn Goldner noch lange Jahre persönlich gekannt und haben wir oft über diese Sachen gesprochen.“

[3 ]In meinen „Aspekten zur Hamburger Postgeschichte (5) – 1864. Der Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges und die Auswirkungen auf den Postverkehr“ habe ich bereits auf diese Tatsache hingewiesen.

[4] Kalkhoff notiert: „Die Neudrucke der 1864/65er Ausgabe werden [K. benutzt also das Präsens!] von einer Hamburger Druckerei hergestellt, die sich im Besitz der Originalsteine befindet….“

[5] P.Ohrt: Neudrucke Hamburger Freimarken auf Wasserzeichenpapier. Abdruck in Germania-Berichte Nr.26, 1902

[6] Ernst Vicenz: „Gibt es amtliche Neudrucke und Probedrucke der Hamburger Steindruckmarken?“ Vortrag anlässlich des XIX.Philatelisten-Tages in Hamburg; in „Philatelisten-Zeitung“, redigirt von A.E. Glasewald = Gößnitz, 1901, H.11-12

[7] Louis Senf: „Die Neudrucke der altdeutschen Marken und deren Beschreibung gegenüber den Originalen“ Erschienen in „Die Post“, 1918, H.1 und H.4

[8] Dr.H.Munk. KOHL-Briefmarken-Handbuch 11.Auflage, Bd.IV, 1933,S.410-429

[9] P.Ohrt: Handbuch aller bekannten Neudrucke staatlicher Postfreimarken und Ganzsachen“, Leipzig 1906.

[10] Germania-Berichte, H.26, 1902, S.322-324 u.a.

[11] Kohl-HB,S.426; „Die Meldung lautet: Deutschland.Hamburg. Den Raritätenforschern können wir eine neue Entdeckung diesmal mittheilen: Es sind Hamburger Mißdrucke der 1 ¼ und 2 ½ Sch.Marken…[sie] sind sonst auch ganz den officiellen Marken gleich, nur daß sie die Farben gegenseitig gewechselt haben…“

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (5): 1864. Der Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges und die Auswirkungen auf den Postverkehr in Hamburg.

Das Jahr 1864. Der Deutsch-Dänische Krieg und seine Auswirkungen auf den Postverkehr.

Geschichtlicher Überblick:

Preußen und Österreich hatten Dänemark aufgefordert, die im November 1863 proklamierte Einverleibung des Herzogtums Schleswig in das dänische Staatsgebiet rückgängig zu machen.

Als diese Forderung unbeantwortet blieb, rückten preußische und österreichische Truppen in der zweiten Januar-Hälfte 1864 in Holstein und ab Anfang Februar 1864 auch in Schleswig ein. Damit begann der deutsch-dänische Krieg.

Postalische Auswirkungen:

Aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzung verfügte der Hamburger Senat, am 20.Februar 1864 das Kgl.Dänische Oberpostamt (gelegen Hohe Bleichen Nr.31) sowie dessen Bahnhofsexpedition auf dem damaligen Berliner Bahnhof „mit Beschlag zu belegen“.

Damit der Postverkehr aufrecht erhalten werden konnte, wurde ein städtischer Postbeamter zum Leiter ernannt, und es entstand so die „II.Abteilung des Stadt-Post-Amts für Dänemark, Schleswig-Holstein und Lauenburg“.

Die bis dahin verwendeten dänischen 4 Skill.-Marken sollten schon ab Montag, dem 22.Februar 1864, nicht mehr verwendet werden. Dies war jedoch zeitlich nicht durchführbar, aber es wurde in einer Senatssitzung vom 26.Februar beschlossen, neue Hamburger 1 ¼ Schilling-Marken einzuführen, die am Montag, dem 1.März 1864 in Kurs und die dänischen Marken dann folglich außer Kurs gesetzt werden sollten.

Der dänische Inlands-Posttarif von 4 Skilling hatte für alle Orte im dänischen Königreich gegolten. Infolge des Krieges ersetzte Dänemark den Inlandstarif für Post nach Hamburg durch den Auslandstarif von 8 Skilling, woraufhin sich das Stadtpostamt genötigt sah, nun auch seinerseits den Tarif für Post nach Dänemark auf 2 ½ Hamburger Schilling, also den Auslandstarif, zu erhöhen.

Dieser Tarif trat am 1.April 1864 in Kraft.

Mit anderen Worten, vom 1.März (bzw. 29.Februar, wie wir noch sehen werden) bis zum 1.April genügten 1 ¼ Hamburger Schilling als Frankatur für Briefe nach ganz Dänemark. Diese 1 ¼ Schilling-Frankaturen nach Dänemark, die ja nur im März 1864 vorkamen, sind außerordentlich selten.

Zum Anfang April 1864 wurde dann auch die Wertstufe zu 2 ½ Schilling notwendig.

Der Druck der neuen Marken

Die Herstellung der zunächst benötigten neuen Wertstufe zu 1 ¼ Schilling war, wie es die Umstände zeigten, überaus eilig.

Jedoch veranschlagte die Druckerei Meißner, die für die bisherigen Wertstufen verantwortlich zeichnete, für die Gravur und die Produktion im Buchdruckverfahren einen Zeitraum von ca. 6 Wochen. Daraufhin vergab der Senat den Auftrag an die Druckerei C.Adler, die in der Lage war, die Marken verhältnismäßig schnell im Steindruckverfahren zu drucken.

Über die Anordnung der Marken und die einzelnen Druckvorgänge gibt das Kohl-Handbuch [1] erschöpfend Auskunft. Vereinfacht gesagt, bestand der Druck(Halb-)bogen von 96 Stück aus acht Zwölferblocks („Report“-Blöcken), die in sich gleich waren. Jede dieser zwölf Marken hat individuelle Druckmerkmale, so dass ein geübtes Auge die Position innerhalb des Reportblocks bestimmen kann.

Der Auftrag wurde am 26.Februar 1864 erteilt, und bereits am „Montag, den 29.Februar d.J. [1864] wurde die Steindruckmarke zuerst verausgabt“. Das war schnelle Arbeit, besonders, wenn man bedenkt, dass noch ein Sonntag dazwischen lag!

Stumpfblau – die „g“-Farbe als postfrisches Oberrandstück

Die Farben der ungezähnten 1 ¼ Schilling-Marke

Der Michelkatalog listet 7 verschiedene Farbtöne auf, von „a“, hellviolettbraun („hellflieder“ oder „malven“) bis hin zu „g“, türkisblau, die aber nicht unbedingt in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Verwendung stehen, wie ja überhaupt die geschnittenen Marken nur gut ein halbes Jahr lang verkauft wurden, bevor sie von der gezähnten Ausgabe abgelöst wurden. Dass die verschiedenen Farbnuancen auch nebeneinander verwendet wurden, kann man empirisch an dem prominenten Plattenfehler „Bruchstrich mit Kolbenansatz oben“ sehen, der auf allen Farben vorkommt. Als einigermaßen gesichert kann man wohl festhalten, dass die „a“-Farbe (hellflieder) ganz früh und die dunkle „f“-Farbe (dunkelviolett) ganz spät von der Druckerei abgeliefert und verwendet wurden.

Es ist ein nettes kleines Puzzlespiel, die verschiedenen Farben zusammen zu bekommen. Details zu Entstehung der Farbschattierungen bei der damaligen Drucktechnik werden im Kohl-Handbuch sehr gut beschrieben.

Im gleichen Abschnitt erwähnt das Kohl-Handbuch noch zwei ungezähnte Makulaturbögen auf Wasserzeichenpapier in der niemals verwendeten Farbe „purpurlila“. Diese Bögen produzierte die Firma Adler noch vor Herstellung des neuen Drucksteins (II.Druckstein), der dann für die gezähnte Ausgabe Verwendung fand. Diese beiden Bögen dienten als Beweis, wie stark der I.Druckstein bereits abgenutzt war; Adler lieferte sie später bei Verrechnung des Wasserzeichen-Papiers an das Stadt-Post-Amt ab, das wiederum diese beiden Bögen zusammen mit den Restbeständen der Hamburger Marken an die Firma Goldner verkaufte, durch die diese Marken in den Handel kamen. Im Michel ist diese „purpurlila“-Variante als „Mi.Nr. 12 ND I“ gelistet; korrekter Weise wäre sie aber unter der Mi.Nr.8 als „nicht verausgabte Farbe purpurlila“ besser aufgehoben.

Dann erschienen die Marken mit Zähnung,

und zwar, soweit es die hier betrachtete 1 ¼-Schilling-Marke anbelangt, ab Anfang September 1864. Die ersten 1000 Bögen (also ingesamt 96.000 Marken) waren vom ersten Druckstein gedruckt. Hier handelte es sich um ursprünglich ungezähnte Marken, die nachträglich (von der Firma Adler) gezähnt wurden. Gelistet ist diese Marke unter der Michel-Nummer 12 I, und auch hier darf man gern darüber nachdenken, ob diese Marke nicht eigentlich unter der Mi.Nr.8 notiert werden sollte.

Die Druckerei Adler fertigte dann einen neuen, II.Druckstein an, von dem die „restlichen“ gezähnten 1 ¼ Schilling-Marken gedruckt wurden. Vergleicht man die Auflagenhöhen des I. und des II.Drucksteins, so fällt auf, dass von der „2.Auflage“ fast 1,1 Mio.Exemplare gedruckt wurden – die Marken des I.Drucksteins hatten mit 96.000 Stück nicht einmal ein Zehntel dieser Auflage.

Meiner Meinung nach ist die Mi.Nr. 12 I eine der am meisten unterschätzten Marken von Hamburg; in sehr vielen Sammlungen habe ich im entsprechenden Vordruckfeld nur die häufige Nr. 12 II gefunden. Briefe und insbesondere Einheiten sind ausgesprochene Raritäten, und die Katalogbewertungen bilden die Marktsituation meiner Meinung nach nur unzureichend ab.

 

Auch bei der gezähnten 1 ¼ Schilling-Marke des II.Drucksteins kann man etliche Farbnuancen ausmachen, jedoch ist der Michel-Katalog hier (meiner Meinung nach zu Recht) vorsichtig, da die verwendete „lila“ Farbe sehr empfindlich und wenig widerstandsfähig gegenüber Säure-, Licht-, Feuchtigkeits- und Temperatureinflüssen ist.

Welche Mengen an 1 ¼-Schilling-Marken (also für die Post nach Schleswig-Holstein) verbraucht wurden, kann man überschlägig ermitteln, wenn man bedenkt, dass ab Ende Juni 1866 die durchstochenen Prägedruckmarke in Gebrauch kam (Mi.Nr. 20). Vom Oktober 1864 bis Juni 1866, also in einem Zeitraum von 21 Monaten, wurden die gedruckten 1,2 Mio. Stück der Mi.Nr.12 mithin „frankiert“; das entsprach einen Verbrauch von ca. 2000 Stück pro Tag. (zur Einordnung: Hamburg hatte im Jahre 1864 ca. 180.000 Einwohner)

Mein Vorschlag zur besseren Michel-Katalogisierung der geschnittenen und gezähnten 1 ¼ Schilling-Marke:

Druck vom ersten Druckstein:

8A 1 ¼ Schilling ungezähnt (29.Februar 1864)

a hellviolettbraun [hellflieder, malven] (FD 3.März 1864)*

b lebhaftgraugrün, grüngrau (FD 4.März 1864)*

c (lebhaft)grau [Töne] (FD15./16.März 1864)*

d mittelblaugrün bis lebhaftbläulichgrün (FD 10.Mai 1864)*

e dunkellilagrau bis dunkelgraulila (FD 17.Mai 1864)*

f dunkel- bis schwärzlichgrauviolett (FD 2.Hälfte Juni 1864)*

g (lebhaft)türkisblau [stumpfblau]

I   Nicht verausgabt [Kohl-Handb.Nr. 8g]: purpurlila [Auflage 192 Stück]

8B   1 ¼ Schilling gezähnt (FD 8.Sept. 1864)*

dunkel- bis schwärzlichgrauviolett

Plattenfehler:

8A, B I Bruchstrich oben mit Kolbenansatz (Feld 5)

8A, B II Stern über linkem Turm beschädigt bis gar nicht mehr vorhanden

Besondere Frankaturen:

8A Einzelfrankatur auf Brief nach Dänemark (möglich vom 29.Februar bis 31.März 1864)

Druck vom neu gravierten Druckstein (II.Druckstein)

12     1 ¼ Schilling gezähnt (FD 18.10.1864)*

a lebhaftbraunviolett bis grauviolett [dunkelviolett]

b dkl`graupurpur bis braunpurpur [lilaviolett, grau]

Plattenfehler:

12a, b I linker Stern über linkem Turm unten ausgebrochen

12a, b II „Mond“ (weißer runder Fleck) links vom mittleren Kreuz

* alle „FD“ (=Frühdaten) nach dem Kohl-Handbuch
[1] Kohl-Briefmarken-Handbuch, völlig neubearbeitet von Dr.Herbert Munk, 11.Aufl., Band IV, S.307 ff. Berlin, 1933.

 

Die 2 ½-Schilling-Marken für das Porto nach Dänemark,

die ja gewissenmaßen die „Pendant“-Stücke zum einfachen Schleswig-Holstein-Franko von 1 ¼ Schillingen sind, könnte man dagegen geradezu als langweilig bezeichnen. Aber vielleicht ist das ungerecht, denn ein paar Besonderheiten sind doch erwähnenswert.

Wie oben bereits ausgeführt, betrug das Porto nach Dänemark ab dem 1.April 1864 2 ½ Schilling; die Postverwaltung mußte also möglichst zu diesem Zeitpunkt die Wertstufe vorrätig haben. Den Druckauftrag hatte ebenfalls die Druckerei Adler erhalten, die die Marken ( die auch im Steindruckverfahren hergestellt wurden) rechtzeitig ablieferte, und so wird auch im Kohl-Handbuch der 2.April 1864 als frühestes Verwendungsdatum notiert.

Es gab nur eine einzige Auflage von 1000 Schalterbögen à 96 Stück, also insgesamt 96.000 Exemplare. Da das Postaufkommen nach Dänemark – nach Ausbruch des Deutsch-Dänischen Krieges – nicht sehr hoch war, reichte diese Auflage bis ins Jahr 1865 hinein. Die ungezähnte Ausgabe wurde völlig aufgebraucht, so daß ungestempelte Exemplare deutlich seltener als gestempelte Stücke sind.

Die gestempelten Marken sind meist mit dem dänischen Ringstempel „2“ entwertet, erst später, ab Anfang 1865, findet man auch Stücke mit dem Einkreisstempel des Stadtpostamtes. Ich würde schätzen, dass wenigstens 70% der gestempelten Marken den dänischen Nummernstempel tragen.

Die gezähnte Marke

wurde ab Mitte April 1865 verausgabt. Es gab nur einen Druckstein, der sich bei den späteren Auflagen aber immer mehr abnutzte. Im Kohl-Handbuch sind sechs unterschiedliche Druckstadien notiert, von „scharf“ über „unklar“ bis „abgenutzt, weich“, mit entsprechenden Farbnuancen der grünen Farbe, von „dunkelbläulichgrün“ bis „fast weißlichgrün“. Da auch bei dieser Marke Alters-, Licht- und Temperatureinflüsse eine mögliche Rolle spielen, halte ich die jetzige Notierung im Michel-Katalog für sinnvoller, der nur eine Unterteilung in „klaren“ und „abgenutzten“ Druck (Mi.Nr. 14 I, 14 II) vornimmt. Insbesondere an den waagerechten Ziegelsteinen der Hamburger Burg kann man die frühen von den späteren Drucken gut unterscheiden.

Mehrfachfrankaturen und/oder größere Einheiten sind relativ selten zu finden. Die „krumme“ Portostufe von 2 ½ Schillingen konnte daher eigentlich nur in Mehrfachfrankaturen auf Briefen höherer Gewichtsstufen oder auf Recobriefen verwendet werden. Eine besondere Sache sind zudem die „Norwegen“-Frankaturen, bei denen das 8-Schilling-Porto meist durch einen Dreierstreifen der Nr.14 plus einer ½ Schilling-Marke gebildet wurde. Von derartigen Frankaturen ist mir aber auch nur ein gutes Dutzend bekannt.

Die Auflage des gezähnten 2 ½ Schilling-Wertes betrug mit gut 300 Tausend Stück nicht einmal 30% der vergleichsweisen 1 ¼-Schilling-Wertstufe. Die Menge reichte bis ins Jahr 1867 hinein; auch diese Marke wurde völlig aufgebraucht. Ungestempelte Stücke der Michel-Nummer 14 sind ebenso selten wie solche ihres ungezähnten Vorgängers.

Erst ab Mai 1867 kam dann der Nachfolgewert (Mi.Nr. 22) in Verkehr, in einem ganz anderen „Design“ und Druckverfahren.

[1] Tore Gjelsvik. Postal History of the Norwegian Hamburg Line 1853-1865. The New Handbook. Trondheim, 1996

Aspekte zur Hamburger Postgeschichte (4): Die preussische Militärzensur im Jahre 1815

Die Preussische Militärzensur während Napoleons „100 Tage“

Nach der Befreiung Hamburgs von den Franzosen nahm das Thurn & Taxis`sche Postamt am 19.Mai 1814 wieder seine Arbeit auf. Das Postamt verwendete zunächst die „alten“ Stempel aus dem Kaiserlichen Reichs- Oberpostamt und aus der Franzosenzeit (R.4 HAMBURG und HAMBOURG).

Beide Stempel sind eigentlich nicht selten, da es zum Beispiel aus den „Weinkorrespondenzen“ Hamburg-Bordeaux auch heutzutage noch viel Material gibt. Aber es kann sich ja immer lohnen, alte Briefe auch einmal von hinten anzusehen oder die Inhalte zu lesen.

Insbesondere bei Briefen aus dem Jahre 1815 lohnt ein Blick auf die Rückseiten. Und das hat einen  Grund.

Ein kleiner geschichtlicher Überblick:

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig und Napoleons militärischer Niederlage wurde er in die Verbannung auf die Insel Elba geschickt. Doch nach nicht langer Zeit mobilisierte er seine Truppen und setzt von Elba wieder auf das französische Festland über.

Es war der 1.März 1815, als Napoleon Bonaparte von seinem Verbannungsort nach Frankreich zurückkehrte, und dies schreckte natürlich die europäischen Verbündeten (Österreich, Rußland, Preussen und Großbritannien), auf. Sie erneuerten ihre Allianz von 1814 und entschlossen sich auf dem Wiener Kongress  zum militärischen Eingreifen.

Die 100-tägige Herrschaft Napoleons, die „Cent Jours“, endete, wie wir im Geschichtsunterricht gelernt haben, mit der Schlacht von Waterloo am 15.Juni 1815. Aber während dieser 100 Tage war Europa in Aufruhr. Strenge Regularien, den Waren- und Güterverkehr nach Frankreich betreffend, wurden eingeführt, und die Angst vor Spionen und Spionage führte dazu, dass auch der Postverkehr überwacht wurde: Preussen richtete „Kommissionen“ ein, die den Postverkehr mit Frankreich betrafen.

 

 

Die Wiedergabe der „Bekanntmachung“ vom 27.März 1815 ist nicht besonders gut. Für unsere heutige kleine Betrachtung ist der Punkt (3) wichtig: „Es wird eine gemischte Kommission zur Durchsicht der nach Frankreich gehenden und von dort ankommenden Briefe niedergesetzt. Erstere werden deswegen offen zur Post gegeben; letztere eröffnet.“

Das war starker Tobak…

Und die hamburgische Post war besonders betroffen, denn über Hamburg lief z.B. alle Post von und nach Dänemark, und die preussischen Behörden argwöhnten, dass auf diesem Wege wichtige Informationen zwischen Frankreich und dem ehemaligen Verbündeten Dänemark ausgetauscht würden.

 

Die zensurierten Briefe erhielten auf der Rückseite den Stempel mit der Inschrift „KÖNIGL. PREUSS. ARMEE POLIZEI“ und dem preussischen Adler. Nach dem Werk von André Leralle „Les Marques Postales Francaises de Hambourg“ soll es von diesem Stempel zwei Typen geben. Ich habe vielleicht ein gutes Dutzend Belege mit diesem Stempel gesehen, aber die „zweite Type“ war nicht darunter.

Generell kann man feststellen, dass dieser Stempel selten ist, schließlich war er nur zwei Monate, im April und Mai 1815, in Gebrauch.

Danach kam Napoleons Waterloo, und der Spuk war vorbei.